Kurzantwort: Nein, solange die Besitzer das Tier pflegen und das Ausmassieren der Blase erlernen. Sehr oft, ja leider viel zu oft, wird bei einer frisch verunfallten Katze ein "Ultimatum" aufgestellt. Wie oft habe ich den Satz "wenn die Katze bis Freitag nicht pinkeln kann, muss sie eingeschläfert werden" schon gehört....
Mir zerreißt es jedes mal das Herz, wenn ich daran denke, dass viele Katzen wohl tatsächlich nur aufgrund der Blasenlähmung euthanasiert werden. Oft sogar, ohne dass sich ihre Besitzer über mögliche Alternativen, also das Ausmassieren der Blase, Gedanken gemacht haben oder Zeit hatten, sich damit auseinanderzusetzen. Auch bei meinen Katzen hörte ich von manchen der erst-behandelnden Tierärzte den Rat zur Euthanasie. Mittlerweile wende ich mich bei solchen Fällen jedoch sofort an die Tierklinik meines Vertrauens, um eine zweite Meinung einzuholen.
Dabei gibt es durchaus auch "Heilungschancen". Sprich, es gibt bei "Inkontinenz durch einen Unfall" stets zwei Möglichkeiten. Entweder das Tier bleibt aufgrund der Nervenschädigung inkontinent und man wird sie fortan ausmassieren müssen, oder aber die Nerven heilen wieder.
Denn diese Möglichkeit besteht. Die geschädigten Nerven können auch wieder heilen! Nur dauert das meistens sehr lange und man muss einen langen Atem beweisen. Nach einem Schwanzabriss kann es mindestens 6-8 Wochen dauern, bis man sagen kann, ob es sich um eine bleibende Nervenschädigung handelt. Von meiner Tierheim-Laufbahn her kenne ich einige Katzen, die nach mehreren Wochen oder Monaten wieder die Kontrolle über ihre Blase erlangten und nicht mehr inkontinent waren.
Aber zur Erinnerung: Selbst, wenn die Schädigung sich als dauerhaft erweist, ist die Inkontinenz alleine eigentlich kein Grund zur Euthanasie. Solche Umstände verändern das Leben nachhaltig, soviel ist klar. Aber sie müssen nicht den Tod bedeuten. Es ist Entscheidung des Besitzers, ob er der Katze das Weiterleben ermöglicht oder nicht.
Sieht so eine Katze aus, die besser "erlöst" werden sollte? Nein, Lilly lebt trotz Inkontinenz und Schwanzabriss gut und gerne.... und zeigt uns das jeden Tag.
Anders verhält es sich in Fällen, wo es sich beispielsweise leider um verwilderte Streunerkatzen handelt, welche einen Menschen nie im Leben nah genug an sich heranlassen würden, um die notwendige Pflege zu gewährleisten. Solche Fälle sind schwierig, da an eine Blasenentleerung oder andere unterstützende Maßnahmen hier oft gar nicht zu denken ist. Wird jedes Blase leeren zur Qual für Mensch und Tier weil es am Angreifen an sich bereits scheitert, hat man leider wenig Chancen.
Der Rest, also die Gewöhnung an den Handgriff, ist jedoch eine reine Management- und Zeitfrage. Gerade im Tierheim habe ich ja oft von Haus aus "schlechte Karten" bei verunfallten Fund-Katzen, denn: Sie kennen mich nicht, haben dementsprechend kein Vertrauen, sind plötzlich in völlig fremder Umgebung und noch dazu meistens frisch operiert, da bei fast jedem gröberen Unfall ein Knochenbruch zu richten ist. Aber selbst in dieser Situation, in der ich mich bereits viele Male befand, ist es möglich, das Vertrauen aufzubauen und aus dem Blaseleeren ein Ritual zu machen, auf welches dann Belohnung folgt.
Ich vergleiche es gerne mit der Insulinspritze bei Diabetikern. Keine Katze "will" diese Spritze haben. Und trotzdem ist es überlebensnotwendig und möglich, wenn man das Tier langsam daran gewöhnt. Das Ganze hat immer zwei Seiten. Die Katze muss verstehen lernen, dass es nichts Schlimmes ist. Der Mensch muss es erlernen, damit der Handgriff rasch vonstatten geht und das wichtigste: Der Mensch muss die Nerven bewahren in dieser Lernphase. Wehrt sich die Katze übermäßig, hat es meistens noch sehr viel mit der Technik (langes herumsuchen, zu starken oder falsches andrücken...) zu tun. Kein Mensch kann das "über Nacht" perfekt und eine Lernzeit gehört einfach dazu.
Nein, auch bei mir klappt das nicht auf Anhieb. Kratzer und Bisse sind manchmal am Anfang unvermeidbar. Aber ich habe es mit langem Atem, vertrauensvollen Umgang, positiver Bestärkung und viel Zeit bislang immer geschafft, aus dem anfänglichen "Drama" eine "0815-Routine" zu machen. DAS ist das Wichtige. Meine dauerhaft blasengelähmten Katzen kommen zur Entleerungszeit zu 99% auch auf Zuruf und es ist rasch erledigt.
Ich hoffe sehr, dass dieses "Blasenlähmung = Einschläfern"-Klischee endlich der Vergangenheit angehören wird. Für die allermeisten Katzen gibt es gute, machbare Lösungen, Geduld und Engagement ihrer Besitzer vorausgesetzt. Lassen Sie sich nie unter Druck setzen, eine solche Entscheidung wie z.B. "Einschläfern aufgrund fehlender Blasenkontrolle" rasch fällen zu müssen und geben Sie sich und Ihrem Tier Zeit. Es ist ein Lernprozess.